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Die Insel

Konzept für einen pädagogischen Erholungsort für die Kinder der Grundschule Rahewinkel

Anke Rossberg; Helen Hartung; Manija Hekmat; Ute Daniels

„In einem Meer von Schwierigkeiten liegt immer eine Insel der Möglichkeiten.“

1. Vorbemerkung zur Insel

Seit vielen Jahren arbeiten wir mit Kindern, deren Probleme in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung sich in massiven Verhaltens-auffälligkeiten manifestieren. Mit der Einführung der Inklusion sind zwar einerseits unsere personellen Ressourcen, andererseits aber auch die Anzahl der Kinder mit Schwierigkeiten im emotionalen und sozialen Bereich gewachsen.

Ihr Verhalten hat sich in den letzten Jahren zunehmend zu einer Belastung der Klassenteams, der Klassen und für sie selbst entwickelt und konnte im Unterricht oft nicht mehr aufgefangen werden. Das führte dazu, dass sie immer wieder stundenweise im Verwaltungstrakt betreut wurden. Um ihnen besser gerecht werden zu können und sie in ihrer Entwicklung zu fördern, ist eine Insel konzipiert worden.

Die Insel ist kein Trainingsraum. Das bedeutet, dass die Kinder verpflichtend dort weder ihre Konflikte bearbeiten noch schulische Aufgaben erledigen müssen. Es geht vielmehr darum, ihnen für eine bestimmte Zeit einen Schutzraum zu bieten und dadurch belastende und belastete Situationen zu deeskalieren.

Gleichzeitig dient die Insel der Prävention. Sie ist gedacht für alle Kinder, die eine Pause brauchen, um den Tag mit seinen vielfältigen Anforderungen bewältigen zu können.

2. Stundenplan der Insel 

Eine Inselstunde entspricht einer Schulstunde. In den Pausen ist die Insel nicht besetzt. In Ausnahmefällen dürfen Kinder während der Pause unter Aufsicht in der Insel bleiben.

In der Inselstunde können sich bis zu sechs Kinder in der Insel befinden.

Die Kinder sollen paarweise aus den Klassen geschickt werden, da sie so einen Spielpartner aus der gleichen Altersgruppe haben und leichter ins Spiel finden. Durch die Jahrgangsmischung können die Kinder Rücksichtnahme und Toleranz üben. Das Sozialgefüge wird gestärkt. Sie lernen, in einem kleineren Rahmen Kontakte zu knüpfen und erleben positive Beziehungen.

Wieviele Stunden eine Klasse in der Insel bekommt, ist unter einem Stundenplan festgehalten. Die Klassenleitungen tragen ihre Stunden selbst ein. Klassenlehrer haben außerdem die Möglichkeit einem einzelnen Kind eine Inselzeit zukommen zu lassen. Auch dies ist im Stundenplan festgehalten.

Des Weiteren ist es möglich, einem Kind eine Inselzeit zukommen zu lassen, wenn es dem Unterricht aus einem bestimmten Grund nicht folgen kann oder andere Kinder im Unterricht stört (Feuerwehrkind), ebenso wenn es am Unterrichtsgeschehen nicht teilnehmen kann (aufgrund Trauer, Krankheit).

Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder, die es zu befriedigen gilt, können eine unterschiedlich lange Zeit in der Insel in Anspruch nehmen. Erfolge im sozialen wie auch im emotionalen Bereich stellen sich nur durch eine gewisse Kontinuität ein. Sollte aufgrund von einem zu großen Andrang von Feuerwehrkindern der Erzieher „ feste“ Kinder zurück in ihre Klassen schicken müssen, können diese zum späteren Zeitpunkt ihre Inselzeit nachholen.

3. Ablauf einer Inselstunde

  • Begrüßungsrunde

Alle Kinder treffen sich mit dem Pädagogen an einem festen Ort.

Gemeinsam wird besprochen, dass die Insel zum Entspannen, Erholen und Ausruhen da ist. Hier erinnern wir uns an die Regeln der Insel und wie wir uns zu verhalten wünschen. Der Pädagoge fragt die Kinder, wie es ihnen geht, um schon einen Einblick in die Gefühlslage zu bekommen (Befindlich-keitsrunde).

Danach beginnt die Inselzeit mit einem Klangschalen – Gong.

  • Freie Gestaltung

Die Kinder können sich so lange mit einer Tätigkeit ihrer Wahl beschäftigen, wie sie es mögen. Spielerisch werden unterschiedliche Anforderungen geübt und Sinneserfahrungen gemacht. Es gibt verschiedene Angebote, wie
z.B. Kreatives Gestalten, Hörspiel per Kopfhörer und andere Herausforderungen. Das Kind kann sich in seinem eigenen Rahmen entfalten und in den verschiedenen Bereichen, die ihm hier angeboten werden, Entspannung finden.

Das Angebot von Tee und Keksen bietet die Möglichkeit, mit den Kindern in einen Austausch zu gelangen.

  • Abschlussrunde 

Die Abschlussrunde wird mit einem Klangschalen – Gong eingeläutet.

Alle Kinder verstummen (Eiszeit), um dann mit dem Pädagogen zu besprechen, wer was aufräumen soll.

Anschließend ertönt in der Aufräumphase das Geräusch des Regenmachers. Das Geräusch gibt die Zeit vor, welches das Kind hat, um aufzuräumen und sich in dem Sitzkreis einzufinden.

Nach dem Aufräumen treffen sich alle zur Abschlussrunde und jedes Kind kann eine Sache erzählen, die ihm gut gefallen hat und sich einen stillen Wunsch wünschen.

4. Rituale

Rituale sind in der Insel sehr wichtig. Hierzu zählen die Begrüßungsrunde, die Abschluss- und Wünscherunde. Sie sind verlässliche Stützpfeiler, an denen sich die Kinder orientieren können.

Es entsteht ein Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit. Die feste Wiederholung der Abfolgen ist wichtig, um den Kindern in Erinnerung zu rufen, wie sie sich zu verhalten haben.

5. Regeln

Den Kindern wird am Anfang der Inselzeit mitgeteilt, dass jeder ein Recht auf eine schöne und erholsame Inselzeit hat und aus diesem Grund kein Streit und Ärger toleriert wird.

Aufgrund der wechselnden Kinder, und um für jedes Kind eine bestmögliche Erholungszeit zu schaffen, ist es wichtig, dass die Stunden von Anfang an gut funktionieren.

Beim Nicht-Einhalten der Regeln führt der Pädagoge mit dem jeweiligen Kind ein Zielgespräch. Hierbei hat oberste Priorität, dem Kind wertschätzend zu begegnen und noch einmal vor Augen zu führen, dass jeder sich in der Insel befindende ein Recht auf eine schöne Inselzeit hat.

6. Gefühle und Bedürfnisse erkennen und benennen

Jedes Kind hat in der Insel die Möglichkeit, seine Gefühle zu äußern sowie seine Bedürfnisse auszuleben.Sorgen und Nöte, Wut und andere Aggressionen können im geschützten Rahmen geäußert werden und sollen dem Kind zu einem besseren inneren Gleichgewicht verhelfen.

Die Gefühle unserer Kinder sind hier sicherlich genauso unterschiedlich wie die Art sie zu verarbeiten. Manch ein Kind greift zum Boxsack, ein anderes sucht das Gespräch.

Der hauptsächliche Aufenthaltsgrund in der Insel besteht für das Kind darin, sich zu erholen und zu entspannen.

Hierbei helfen die verschiedenen Angebote, die Inselzeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Kinder können Angebote nutzen, miteinander spielen, etwas gestalten, sich zurückziehen und entspannen. Der Pädagoge gibt Anregungen und leitet an, wenn Kinder die eigenen Bedürfnisse selbst noch nicht gut erkennen können. Er steht auch zur Verfügung, wenn Kinder von ihren Problemen, Sorgen und Nöten erzählen möchten.

7. Rolle der Erzieher

Die Erzieher verhalten sich in ihrer Vorbildfunktion stets empathisch und wertschätzend den Kindern gegenüber.

Während der Inselzeit kann das Kind je nach eigenen Interessen und Fähigkeiten selbst entscheiden, mit wem oder was es spielen will.

Zur ganzheitlichen Entwicklung des Kindes gehört es, selbstbestimmt zu handeln und die Folgen seines Handelns zu erleben. Die Erzieher treten hierbei fördernd und motivierend auf. Sie beobachten das Kind, um Entwicklungsschritte festzustellen oder gegebenenfalls kontaktschwache Kinder mit neuen Spielimpulsen zu unterstützen.

Während der Inselzeit nutzen die Erzieher die Möglichkeit, Kinder individuell zu fördern und dabei zu unterstützen, Lösungsmöglichkeiten bei Problemen zu finden. Durch das Bereitstellen eines Getränkes und von Keksen spürt das Kind eine entspannte und zugewandte Atmosphäre und wird umsorgt.

8. Rolle der Lehrkräfte

Die KlassenlehrerInnen bzw. die Klassenteams sollten das Angebot der Insel auf dem Elternabend kurz vorstellen. Auch die Klasse sollte über das Angebot der Insel bzw. über den Ablauf durch den Klassenlehrer/-in informiert werden.

Hierfür würde sich eine Klassenlehrerstunde bzw. der Klassenrat eignen.

Bei Kindern, die die Insel besuchen bzw. längerfristig dort versorgt werden, ist die Haltung der LehrerInnen als auch die wertschätzende Ansprache der Klasse von großer Bedeutung. Ein Kind, das ein störendes Verhalten zeigt, ist kein Problem. Dieses Kind hat vielmehr ein Problem bzw. Thema, an dem alle gemeinsam arbeiten, damit dieses Kind sich wieder sorglos dem regulären Unterrichtsgeschehen widmen kann. („Thema“ ist als Wortwahl besser geeignet für die Ansprache an die Klasse, da jedes Kind irgendein Thema hat an dem es arbeiten sollte. Eine Stigmatisierung wird somit vermieden.) Der Inselbesuch sollte allgemein den Schülern auch nicht als Konsequenz/Strafe verboten/entzogen werden, da die Insel als Unterstützung sowohl für das jeweilige Kind als auch für die Lehrkraft dient.

9. Eltern

Die Eltern werden durch einen Brief der Schulleitung über das Konzept/Angebot der Insel informiert. Bei einer Elternratssitzung wird das Konzept ebenfalls vorgestellt, um den Eltern die Möglichkeit zu geben, offene Fragen zu klären.

Bei Kindern, die eine feste Inselzeit über einen bestimmten Zeitraum bekommen, wird die Dauer der Entlastungsmaßnahme mit den Eltern abgesprochen. Nach Ablauf der festgelegten Zeit wird gegebenenfalls neu befunden. Bei Kindern, die über einen längeren Zeitraum die Insel aufsuchen sollten, kann den Eltern die Räumlichkeit der Insel zum Kennenlernen vorgestellt werden. Zu diesem Angebot gehört auch die Beratung der Eltern, aus der sich die Inanspruchnahme weiterer Hilfsmaßnahmen ergeben kann.

10. Feuerwehrkinder

Kinder, die akut massiv den Unterricht stören und am normalen Unterrichtsgeschehen vorübergehend nicht teilnehmen können, werden als Feuerwehrkinder aufgenommen. Dabei wird die Inselzeit nicht als Strafe eingesetzt, sondern als Hilfe für das Kind, die Klasse und die Lehrkraft
(„Du brauchst jetzt Zeit für dich.“). Kinder, die häufig als Feuerwehrkinder in die Insel kommen, werden der Beratungsrunde gemeldet. Die Insel kann kein ständiger Aufenthaltsort für diese Kinder sein. Sie kann nur eine Maßnahme unter anderen sein.

Präventiv können Kinder, die ein auffälliges Verhalten zeigen, eine regelmäßige Inselzeit über einen bestimmten Zeitraum (3 bis 6 Monate) bekommen. Sie können sich bewegen, entspannen, erholen und ausruhen. Sie können ihre Gefühle ausleben, Sorgen und Nöte, Wut und Aggressionen abbauen, um zu einem inneren Gleichgewicht zu finden.

Die Haltung der Pädagogen diesen Kindern gegenüber ist entscheidend für den Erfolg der Insel. Die Kinder werden umsorgt, akzeptiert und angenommen, so wie sie sind, in ihrem Verhalten, mit ihren Ängsten, Nöten und möglicherweise schlimmen Erfahrungen.

Die Rückkehr in den Klassenunterricht ist nach einer Unterrichtsstunde möglich, wenn das Kind wieder in der Lage ist, sich auf Absprachen einzulassen.

Die Erzieher stehen im Austausch mit den Klassenleitungen und helfen dabei, die Bedürfnisse des Kindes und einen konstruktiven Umgang mit seinem Verhalten zu fördern.

11. Arbeit an schulischen Aufgaben / Nacharbeiten

Das Erledigen von verpflichtenden Schulaufgaben wird in der Insel nicht geleistet. Der Grund dafür ist, dass der Raum zu einer positiven Grundstimmung gleich beim Betreten verhelfen soll. Müssen erst Pflichtaufgaben erledigt werden, kann sich der gewünschte Zustand nicht einstellen. Zudem benötigt ein Kind die ganze Inselzeit, um eine kleine Erholung vom Schulalltag zu erfahren.

Somit ist es auch ausgeschlossen, dass verpflichtend Konfliktgespräche in der Insel geführt werden.

Die Kinder sollen ihre Inselzeit möglichst selbstbestimmt gestalten. Sie suchen selbst aus, womit sie sich beschäftigen möchten. Die Arbeit an schulischen Aufgaben ist zwar möglich, wenn das Kind dies wünscht,
sollte aber nicht im Vordergrund stehen und nicht erzwungen werden.

12. Grobziele ( keine Prioritätenliste )

  • Das Wahrnehmen eigener Gefühle / Bedürfnisse
  • Das Mitteilen von Gefühlen und Bedürfnissen
  • Eigene Ideen entwickeln und umsetzen
  • Freundschaften schließen
  • Regelverständnis erlernen
  • Steigerung der Frustrationstoleranz  ( lernen, mit negativen Erfahrungen sicher umzugehen )

13. Feinziele ( keine Prioritätenliste )

  • Warten lernen
  • Abgeben lernen
  • Durchsetzen lernen
  • Freundlich sein
  • Respektvoll sein
  • Verlieren können
  • Rücksicht nehmen
  • Neugier befriedigen
  • Wortschatz erweitern
  • Deutlich sprechen
  • Grammatik erlernen
  • Persönliche Schwäche erfahren und aushalten
  • Grenzen setzen
  • Grenzen anerkennen
  • Grenzen fordern
  • Erfolgserlebnisse sammeln
  • Erholung und Motivation

14. Bedürfnispyramide von Abraham Maslow

Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow erforschte gesunde, erfolgreiche und glückliche Menschen. Er entdeckte, dass sich die menschlichen Bedürfnisse nach einer bestimmten Rangordnung einteilen lassen. Alle Bedürfnisse zusammen kann man sich als Schichten einer Pyramide vorstellen.

Abraham Maslow kam zu der Meinung, dass sobald ein Mensch eine Stufe erreicht hat bzw. die Bedürfnisse gestillt sind, der Mensch das Bestreben hat, die nächst höhere Stufe zu erreichen. Anders ausgedrückt – die nächst höhere Stufe wird erst erklommen, wenn die tiefer gelegene Schicht keine Probleme mehr macht.

Dieses Modell ist psychologisches Basiswissen und findet häufig Anwendung z.B. um gezielt zu motivieren oder um sich Beweggründe zu vergegenwärtigen und diese grob zu klassifizieren.

Das Model Vorstellung wird häufig in 5 Stufen dargestellt, die einzelnen Stufen könnten noch feiner modelliert werden.

Auch wird dieses Modell benutzt, um die Motivation von Menschen zu erkunden und  zu berücksichtigen (Verkauf/Ideen/Waren), aber auch ganz allgemein die Motive von Menschen besser zu verstehen.

 

Quelle: http://Viehwagen.org/deutsch/ gedanken/Maslow.html
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